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Dr. Benjamin Knispel
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Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik, Teilinstitut Hannover

Multimedia

Das Einstein@Home-Projekt enthält einen Bildschirmschoner, der Informationen zu den Berechnungen auf den PCs der Freiwilligen darstellt. Der Bildschirmschoner zeigt die rotierende Himmelskugel mit den hellsten Sternen und den Sternbildern. Violette und rote Punkte stellen bekannte Pulsare und Supernova-Überreste dar, die entlang der Ebene der Milchstraße konzentriert sind. Das orange Fadenkreuz zeigt die Himmelsposition, die derzeit analysiert wird. Die Bildschirmecken zeigen zusätzliche Informationen zum Rechenfortschritt und weitere Details an.

40 Jahre Radioteleskop Effelsberg

Neutronensterne in der Rechnerwolke

Neutronensterne in der Rechnerwolke

Einstein@Home findet in Archivdaten 24 bisher unbekannte Pulsare

Die geballte Rechenkraft von 200 000 Privatrechnern hilft Astronomen bei der Inventur der Milchstraße. Das Projekt Einstein@Home verbindet die Computer von Freiwilligen aus aller Welt zu einem globalen Supercomputer. Mit der Hilfe der Rechnerwolke durchsuchte ein internationales Team um Forscher der Max-Planck-Institute für Gravitationsphysik und für Radioastronomie Archivdaten des Parkes-Radioteleskops in Australien. Dabei entdeckte das weltumspannende Rechnernetzwerk mit neuartigen Analysemethoden 24 Pulsare – außergewöhnliche Sternreste mit extremen physikalischen Eigenschaften. Sie können als Prüfstand für Einsteins Relativitätstheorie dienen und unser Bild von der Gesamtpopulation dieser Himmelskörper vervollständigen.
Nach unbekannten Neutronensternen durchsucht das Projekt Einstein@Home, in dem unzählige Privatrechner zu einem Supercomputer vernetzt werden, die Daten von Radioteleskopen. Diese künstlerische Darstellung zeigt einen Neutronenstern, das ihn umgebende starke Magnetfeld (blau) und den schmalen Strahl an Radiowellen (magenta) über seinen magnetischen Polen. Wenn der Strahl des sich drehenden Sterns über die Erde streicht, lässt sich der Neutronenstern als Pulsar entdecken. Bild vergrößern
Nach unbekannten Neutronensternen durchsucht das Projekt Einstein@Home, in dem unzählige Privatrechner zu einem Supercomputer vernetzt werden, die Daten von Radioteleskopen. Diese künstlerische Darstellung zeigt einen Neutronenstern, das ihn umgebende starke Magnetfeld (blau) und den schmalen Strahl an Radiowellen (magenta) über seinen magnetischen Polen. Wenn der Strahl des sich drehenden Sterns über die Erde streicht, lässt sich der Neutronenstern als Pulsar entdecken. [weniger]

„Unsere Suche war nur dank der großen Rechenkraft möglich, die uns die Einstein@Home-Freiwilligen zur Verfügung gestellt haben“, sagt Benjamin Knispel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Hannover und Erstautor der Veröffentlichung, die jetzt in der Fachzeitschrift The Astrophysical Journal erschienen ist. „Durch die Beteiligung der Öffentlichkeit haben wir in der Milchstraße 24 neue Pulsare entdeckt, die zuvor übersehen wurden, einige davon besonders interessante Exemplare.“

Aufwendige Suche nach kosmischen Leuchttürmen

Pulsare sind die Überreste von Explosionen massereicher Sterne. Die stark magnetisierten und extrem dichten Neutronensterne rotieren schnell um die eigene Achse und strahlen entlang der Magnetfeldachse kegelförmig Radiowellen ab – ähnlich dem Scheinwerfer eines Leuchtturms. Trifft dieser Radiowellenkegel die Erde, lässt sich der Pulsar beobachten.

Um die schwachen Signale neuer Pulsare aufzuspüren, sind große Radioteleskope notwendig. Knispel und seine Kollegen durchsuchten Daten der Parkes Multi-beam Pulsar Survey, die in den Jahren 1997 bis 2001 mit der 64-Meter-Antenne des Parkes-Observatoriums im Südosten Australiens aufgenommen und bereits mehrfach mit zunehmender Empfindlichkeit durchsucht wurden. „Die Suche nach neuen Radiopulsaren ist sehr rechenaufwendig. Um die a priori unbekannten Eigenschaften wie die Entfernung und die Periode der Eigendrehung genau zu bestimmen, müssen wir große Parameterbereiche sehr fein durchsuchen“, so Knispel.

Pulsarsuche mit Bürgerbeteiligung

Bei Einstein@Home „spenden“ jede Woche im Durchschnitt rund 50 000 Freiwillige aus aller Welt brachliegende Rechenkraft auf ihren insgesamt rund 200 000 Computern. Zusammen bringen sie es so auf eine Rechenkraft von rund 860 TeraFlop pro Sekunde und würden Einstein@Home einen Platz unter den schnellsten Rechnern der Welt sichern. Für die Suche in den Parkes-Daten brauchten die vernetzten Rechner so nur acht Monate, während ein einzelner CPU-Kern dafür 17 000 Jahre gebraucht hätte.

Entscheidend für die Entdeckung der zwei Dutzend Pulsare war aber nicht nur die enorme Rechenleistung von Einstein@Home, sondern auch die Entwicklung neuer Methoden, um die Ergebnisse nachzubereiten. In den Messdaten finden sich häufig menschengemachte Störsignale, die Pulsaren ähneln. Mit ihren neuen Verfahren gelang es den Astronomen, auch in Anwesenheit der Störsignale Pulsare zu entdecken, die zuvor verdeckt worden wären.

Ungewöhnliche Exemplare im Zoo der Pulsare

Die Astronomen nutzten die Radioteleskope bei Parkes, am Jodrell-Bank-Observatorium und bei Effelsberg zu Folgebeobachtungen, um ihre Entdeckungen genauer zu charakterisieren. „Es gibt verschiedene Arten von Pulsaren, ganz ähnlich den verschiedenen Tierarten in einem Zoo. Einige sind häufiger anzutreffen als andere, von denen manchmal nur eine Handvoll bekannt ist“, erklärt Ralph Eatough, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn und Zweitautor der Veröffentlichung.

Für die Astronomen besonders interessant sind Pulsare in Doppelsternsystemen. Denn sie ermöglichen Einblicke in ihre Entstehungsgeschichte oder können als Prüfstände für Einsteins Relativitätstheorie dienen. Doch sie aufzuspüren ist noch schwieriger als die Suche nach einzelnen Pulsaren, die wegen der unbekannten Eigenschaften der Himmelskörper schon aufwendig genug ist. Denn ein Pulsar in einem Doppelsternsystem hinterlässt in den Daten komplexere Spuren, sodass der Rechenaufwand wächst und die Kapazitäten der Computercluster an den beiden beteiligten Max-Planck-Instituten übersteigt.

Unter den 24 nun mit Einstein@Home entdeckten Pulsaren befinden sich sechs dieser ungewöhnlichen Exemplare, die in Doppelsternsystemen einen gemeinsamen Massenschwerpunkt mit ihrem Partner umkreisen. Diese Objekte entstehen häufig nur unter besonderen astrophysikalischen Umständen, die die Forscher so genauer rekonstruieren können. Einer der entdeckten Pulsare hat eine ungewöhnlich lange Umlaufperiode von rund 940 Tagen – die viertlängste aller bekannten Systeme. Er könnte sich in Zukunft als Prüfstand für Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie erweisen.

 
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